Bärenabenteuer in Alaska

REISEBERICHT - spannender Bericht von Ariane Ribbeck. Sie hat auf unserer Kleingruppenreise die Grizzlies & Polar Bears in Alaska besucht.

Ein Traum wird wahr!
 

Was fällt einem bei dem Wort Alaska ein?

Bären, Lachse, viel Natur und jede Menge schlechtes Wetter!

Ich mache mich Ende August auf um zu testen, was an den Vorurteilen dran ist. Dem Wetter will ich mit dem Zwiebelprinzip und einer guten Regenkleidung trotzen. Zum Glück soll es im Herbst keine Mücken mehr geben.

Gewählt habe ich die Reise „Grizzlies & Polar Bears“ von Para Tours, eine klassische Route abgesehen von dem Abstecher zu den Eisbären, die in Anchorage beginnt. Von dort geht es in den Katmai Nationalpark. Hier soll sich mein großer Traum erfüllen. Grizzlys zu beobachten, die im Wasserfall stehen und Lachse fangen, wenn diese zum Laichen die Flüsse hinauf wandern und springen. Grizzlys heißen übrigens die Braunbären in Nordamerika, da ihr Fell weiß-grau gesprenkelt erscheint. Und grizzly ist das englische Wort für grau.


Der Hinflug nach King Salmon, da ist schon der Name mehr als vielversprechend, ist leicht verspätet. Die Vorfreude weicht der Angst, den Ort der Träume vielleicht niemals zu erreichen. Es kann in Alaska immer wieder passieren, dass Flüge wegen Wetterkapriolen gestrichen werden müssen. Aber ich habe Glück und von King Salmon geht es nach kurzer Wartezeit mit einem eigenen Wasserflugzeug der Brooks Lodge weiter. Gäste der Brooks Lodge kommen entweder für ein oder zwei Übernachtungen oder aber auch nur als Tagesgäste zur Bärenbeobachtung. Im Juli zur Hauptsaison werden die Zimmer verlost. Anfang September ist es etwas ruhiger, aber auch hier empfiehlt sich eine Buchung über einen Reiseveranstalter wie Para Tours, der die Hütten schon ein Jahr im Voraus geblockt hat. Als Einzelreisender hat man kaum Chancen, eine der begehrten Hütten zu reservieren. Am späten Nachmittag erreichen wir endlich die Brooks Lodge.

 


Aber bevor es zu den Bären geht, muss jeder Gast eine Bärenschulung mitmachen, damit man im Zweifelsfall weiß, wie man sich bei einer Bärenbegegnung verhalten soll. Obwohl es schier unerträglich ist, die Zeit mit einem Video zu verbringen, anstatt draußen bei den Bären zu sein, ist das eine wichtige Maßnahme. Mehr als ein Bär kam unerwartet hinter einem Baum hervor nur wenige Meter von mir entfernt. Irgendwann geht es endlich los. Von den Hütten, die sehr einfach sind und zu viert geteilt werden müssen, um den Preis einigermaßen bezahlbar zu halten, läuft man ungefähr eine halbe Stunde zu den Brooks Falls, dem Platz der Träume. Allerdings befindet sich zwischen der Lodge und dem Wasserfall noch eine Brücke. Diese überquert den Brooks River und ist durch Tore bärensicher, das heißt die Bären können die Brücke nicht betreten.

Allerdings ist die Brücke oft geschlossen, wenn Braunbären in der Nähe sind oder sich im Wasser schwimmend der Brücke nähern. Es kann vorkommen, dass man mehr als eine Stunde auf der einen oder anderen Seite der Brücke ausharren muss und damit alle Zeitpläne für die Katz sind. Oder sagt man hier besser für den Bären?

Heute Nachmittag ist für mich grünes Licht, und ich kann die Brücke sofort überqueren. Die erste Aussichtsplattform direkt an der Brücke lasse ich links liegen und wandere gleich zum Wasserfall. Die Euphorie ist groß. Was wird mich erwarten? Sind überhaupt Bären da? Schließlich ist es September und die Lachse werden spärlicher. Und ich bin in der Natur. Die Tiere richten sich nicht nach meinem Reiseplan. Der Schritt wird schneller und irgendwann kommt eine Holzkonstruktion in mein Blickfeld. Aha, hier ist man wieder durch Tore vor den Bären geschützt, so dass man auf der Plattform den Bären sehr nah sein kann, ohne in Gefahr zu geraten, die nächste Beute zu werden. Grundsätzlich sind wir Menschen keine Beute für Grizzlys, aber weiß das auch jeder Bär? Jetzt renne ich förmlich und komme erst zum Stehen, als ich fünf Braunbären im Wasserfall sehe.

Ich verbringe fast vier Stunden auf der Plattform und kann mich nicht satt sehen an den Grizzlys. Die Sonne wärmt mir den Rücken und taucht alles in ein wunderbares Fotografierlicht. Kann man mehr erwarten? Sicherlich nicht. Auch hier macht sich der September bezahlt. Die Plattform ist gut gefüllt, aber nicht zu voll. Ich bekomme immer einen guten Platz zum Fotografieren. Im Juli darf man nur eine Stunde auf der dann übervollen Plattform verbringen. Dann muss man den anderen Bärenliebhabern Platz machen.

 


Jeder Braunbär hat eine andere Fangtechnik, die mehr oder weniger erfolgreich ist. Es gibt die Bären, die oben auf dem Wasserfall stehen und die springenden Lachse mit dem Maul fangen. Und die, die lieber unten hocken und mit der großen Pranke zugreifen. Die Methode lernt der Grizzly schon von seiner Mutter. Es hat auch jeder Bär seinen angestammten Platz rund um den Wasserfall. Je nach Wichtigkeit werden die Plätze vergeben, die größten Braunbären bekommen die besten Plätze.

Die Bärenweibchen zum Beispiel, besonders wenn sie Jungtiere dabei haben, müssen eher die schlechten Plätze am Rand besetzen. Sie laufen sonst Gefahr, dass die Bärenjungen die Beute der größeren Männchen werden. Heute sind allerdings gar keine Weibchen zu sehen. Interessant ist auch, dass die Bärenweibchen die Jungen quasi im Schlaf bekommen. Sie gebären ungefähr im Januar, wenn sie sich noch im Winterschlaf befinden, ein bis drei Bärenbabys.

 




Bei der Methode, wie der Lachs verspeist wird, sind sich aber alle Bären einig. Erst die Haut abziehen, als nächstes den Kaviar raus schlecken und dann den Rest verputzen. Wenn genug Lachse da sind, werden gerne nur die weiblichen erbeutet. Der Kaviar ist die größte Leckerei. Für etwaige Reste finden sich auch Liebhaber. Beringmöwen und Gänsesäger, eine Entenart, warten in nächster Nähe, um ihren Teil der Beute abzubekommen. Junge Grizzlys, wahrscheinlich Geschwister, balgen sich spielerisch, die Erwachsenen streiten sich schon eher ernsthaft um die schmackhafte Lachsbeute, so dass das Wasser spritzt und der eben noch glückliche Lachsbesitzer bedröppelt von dannen zieht. Je mehr Aktion desto besser für das Publikum in der ersten Reihe. Es klickt überall frenetisch, die Kameras glühen. Ich schieße in einer Stunde 1000 Fotos. Oh Gott, wer soll die aussortieren?

Die Zeit vergeht wie im Flug und nun ist es an jener, den Rückweg anzutreten. Schließlich weiß man wegen der Brücke nie, wie lange es dauert. Kurz vor der Lodge treffe ich auf Mathilda. Sie ist eine der Ranger, die hier Dienst hat und aufpasst, dass der Mensch dem Grizzly nicht zu nahe kommt und umgekehrt. Als Waffe trägt sie Bärenspray bei sich. Ich frage sie, ob hier schon jemals ein Bär einen Gast angegriffen hätte, was sie verneint. „Sicherheit" wird groß geschrieben und die vorgeschriebene Schulung hilft den Menschen, gleich von Anfang an das richtige Verhalten anzuwenden“, meint sie. Die Brücke ist offen, aber der Weg dahinter nicht, weil zwei Grizzlys umherlaufen. Inzwischen hat sich eine kleine Gruppe von Menschen gebildet. Mathilda bittet uns zu warten, während sie nach den Bären schaut. Wir dürfen 20 Meter vorgehen, um dann doch schnell wieder den Rückzug anzutreten. Das Spiel geht eine Weile hin und her. Schließlich gibt Mathilda grünes Licht, was sich schnell als Fehler herausstellen wird. Wir gehen zur Lodge, als kurz vor den ersten Hütten ein Braunbär hinter einem Baum hervorkommt. Vielleicht fünf Meter von uns entfernt. Mein Instinkt sagt mir, renn so schnell du kannst. Und ich bin schon fast am Loslaufen, als mir die Bärenschulung wieder einfällt. Niemals rennen, dann gibst du dich als Beute zu erkennen. Groß machen und einen langsamen Rückzug antreten, ohne dem Bären direkt in die Augen zu schauen. Aber der Grizzly hat gar kein Interesse an uns. Den Bauch mit fetten Lachsen gefüllt, möchte er nur schnell des Weges ziehen. Erleichtert lassen wir ihn an uns vorbei und begeben uns zum Abendessen, das sehr schmackhaft ist.

Am nächsten Tag mache ich einen Ausflug in das Tal der 10.000 Rauchsäulen, der sehr empfehlenswert ist. Im Jahr 1912 brach hier der Vulkan Novarupta aus. Einer der grössten Vulkanausbrüche der Geschichte. Den Ausflug kann man in der Lodge buchen. Ich habe das mit Absicht erst am Tag vorher gemacht, denn ich wollte sichergehen, dass ich genug von den Bären gesehen habe, bevor ich mich auf einen Tagesausflug begebe. Der späte Nachmittag nach meiner Rückkehr steht dann aber wieder im Zeichen der Bären und ich verbringe noch einmal knapp 3 Stunden bei den Grizzlys. Am Tag darauf fahre ich glücklich ab.

 


Ich sehe in Alaska noch viele Tiere wie Orcas, Buckelwale, Seeotter und Papageientaucher bei einer Schifffahrt in Seward. Elche, Karibus und weitere Bären warten im Denali Nationalpark auf mich und immer wieder atemberaubende Landschaften in den schönsten Herbstfarben. Denali, der höchste Berg Nordamerikas, zeigt sich mehrere Tage hintereinander im Sonnenschein ohne eine Wolke, was nur 30 % aller Alaskareisenden vergönnt ist. Auch mehrmaliges nächtliches Weckerstellen wird am Ende in Fairbanks mit der Sichtung eines Nordlichts belohnt. Noch weiter im Norden fast am Nordpol auf Barter Island beobachte ich die weißen Brüder der Grizzlys, die Eisbären, beim Fressen und Rumtoben. Auch das ist einer meiner Träume, aber man ist hier nicht ganz so nah an den Bären. Entweder sieht man sie vom Boot oder Bus aus und daher stellt sich nicht dasselbe Gefühl ein wie bei den Brooks Falls.

 


Die vorgefertigten Meinungen über Alaska stimmen fast alle, zumindest in diesem Jahr. Es gibt auch im Herbst noch viele Grizzlys beim Lachsfangen zu sehen, die Natur ist so traumhaft, dass man jeden Blickwinkel mit der Kamera festhalten will. Nur das Regenwetter will sich nicht einstellen, dem Klimawandel sei Dank. Ich werde von den alaskanischen Göttern verwöhnt, denn auf meiner zweiwöchigen Reise scheint 10 Tage lang die Sonne. Wozu ist die Regenjacke eigentlich im Gepäck? Natürlich erleichtert diese Tatsache das Reisen, aber der Klimawandel und die auch in Alaska überall schrumpfenden Gletscher stimmen mich nicht froh.

 

Und obwohl der gesamte Trip eine Aneinanderreihung von Highlights darstellt, bleiben die zwei Tage bei den Grizzlys für mich der absolute Höhepunkt meiner Reise.

Text und Fotos: Ariane Ribbeck